Abstand: Der Corona-Survival-Guide für Ihre Beziehung


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Was ist guter sex? Und wie klappt es in der Partnerschaft? Darüber spricht die Sexualtherapeutin und Ärztin Melanie Büttner alle zwei Wochen montags mit Sven Stockrahm, dem stellvertretenden Ressortleiter Wissen und Digital bei ZEIT ONLINE. Zusammen machen sie den Sexpodcast “Ist das normal?”. Hier schreiben die beiden, was sex und Intimität bedeuten, während die Corona-Pandemie sich weiter ausbreitet.

Millionen von Menschen bleiben zu Hause. Allein, zu zweit, in WGs, betreuten Einrichtungen oder als Familie. Singles verzichten auf Dates, Eltern sind mit ihren Kindern zusammen, Paare hocken daheim aufeinander. Wir alle erleben noch immer ungläubig, wie rasch sich die Welt um uns herum gerade verändert. Das neue Coronavirus ist bis in die letzte Ecke unserer Leben vorgedrungen: Die meisten gehen auf Abstand, wo es nur geht. Den Ausbruch zu bremsen, darum geht es jetzt, um Ältere und Menschen mit chronischen Erkrankungen zu schützen. Denn wenn viele von ihnen schwer an Covid-19 erkranken, werden nicht mehr alle auf den Intensivstationen behandelt werden können, die müssten. Die Vorsicht, die wir gerade üben, rettet Menschenleben. Doch sie verlangt uns viel ab und macht sich mehr und mehr auch dort bemerkbar, wo es jedem nahe geht – in unseren Familien, Liebesbeziehungen und auch beim sex.

Neuer Alltag und noch existenzieller Stress

Für manches Paar wird die Corona-Pandemie zum Belastungstest. Im Negativen wie im Positiven. Was das bedeuten kann, lassen beispielsweise Ergebnisse von Studien erahnen, die Beziehungen während und nach Naturkatastrophen untersuchten (Journal of Family Psychology: Cohen & Cole, 2002). 1989 veränderte etwa Hurrikan Hugo das Leben vieler Menschen im Südosten der USA und der Karibik fast von einem Tag auf den anderen. Im Jahr darauf ließen sich in den betroffenen Gebieten in South Carolina nicht nur deutlich mehr Paare scheiden als in den Jahren zuvor und später, auch die Zahl der Hochzeiten und Geburten stieg sprunghaft an. Während die einen also dem enormen Stress völlig neuer Lebensumstände nicht standhielten und daran zerbrachen, gingen andere Paare verbundener aus der Krise hervor.

Was also macht größtmögliche Distanz zur Umwelt, dafür aber intensive Nähe in den eigenen vier Wänden mit uns? Während manche es mögen, sich zu zweit oder mit den Kindern auch mal zu Hause zurückzuziehen und die Welt draußen zu lassen, bringt das andere an ihre Grenzen. Und wer ohnehin allein wohnt und Single ist, den quälen noch ganz andere Fragen: Dating ist keine Option mehr, Nähe zu einem fremden Menschen, wenn man nicht mal seine Freunde mehr sehen darf? Und ganz Existenzielles: Wie geht es mit dem Job weiter, was ist morgen, nächste Woche, in einem Monat? Die Ängste um die eigene Gesundheit oder die von Menschen, die uns viel bedeuten. Wer vor allem als Ärztin, im Supermarkt, als Krankenpfleger, Sozialarbeiterin oder Lieferbote draußen gerade die wohl wichtigsten öffentlichen Jobs macht, ist noch einmal ganz besonders gefordert.

Sich selbst zu helfen, stützt auch die Beziehung

Wer sich in diesen Zeiten nicht nur als Paar oder Familie schützen will, muss erst mal einen Weg finden, sich selbst zu stärken. Der weltgrößte Psychologenverband APA empfiehlt ganz konkrete Dinge für den neuen Alltag:

  • Nutzen Sie verlässliche Quellen, um sich über das neue Coronavirus zu informieren. Auf dem Laufenden zu bleiben ist wichtig, Pausen aber ebenso. Eine ständige Beschäftigung mit Corona-Meldungen kann ebenso verunsichern und Ängste schüren wie Falschmeldungen.
  • Gestalten Sie Ihren Tag so bewusst wie möglich: Geben Sie sich einen festen Tagesablauf und halten Sie gewohnte Routinen bei – aufstehen zu bestimmten Zeiten, regelmäßig essen, arbeiten, lernen, sich bewegen, abschalten. Eine solche Struktur gibt Halt und Sinn und beugt schlechter Stimmung vor.
  • Schlafen Sie genügend, essen Sie abwechslungsreich und mit viel frischen Zutaten, machen Sie zu Hause Sport. Tun Sie sich zwischendurch etwas Gutes. Gehen Sie mit Drogen wie Alkohol und anderen Rauschmitteln bewusst und zurückhaltend um.
  • Bleiben Sie digital verbunden: Gehen Sie mit Video-Chats, Telefonaten, Textnachrichten mit Menschen in Kontakt, die Ihnen wichtig sind. Sprechen Sie über das, was Sie beschäftigt.
  • Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie tun können, und akzeptieren Sie die Dinge, die Sie nicht ändern können. Smartphone-Apps mit Achtsamkeits- und Entspannungsübungen helfen zusätzlich. Machen Sie sich bewusst, dass Sie gerade all das auf sich nehmen, um anderen Menschen das Leben zu retten.
  • Wenden Sie sich an einen Profi, wenn Ihnen alles zu viel wird – vor allem dann, wenn Sie mit Ängsten, starker Anspannung, Reizbarkeit und depressiven Stimmungen zu tun haben. Oft helfen schon einige Onlinesitzungen mit einer Psychotherapeutin. Viele Psychotherapeuten haben auf digitale Therapie umgerüstet.

Extrapflege für die Partnerschaft

Vieles spricht dafür, sich in Krisenzeiten verstärkt um die Partnerin oder den Partner zu bemühen. Eine stabile Beziehung gibt Halt in einer Welt, die sich gerade grundlegend verändert. Kaum etwas beruhigt so gut wie die Gegenwart eines vertrauten Menschen.

Gerade jetzt kann es gut sein, sich klarzumachen, was die eigene Partnerschaft stark macht und auf lange Sicht erhält. Hinweise darauf hat der Familien- und Entwicklungsforscher Brian Ogolsky mit seinem Team aus mehr als sechs Jahrzehnten Wissenschaft gesammelt (Journal of Family Theory & Review: Ogolsky et al., 2017).

Eine grundlegende Erkenntnis dabei: Jede und jeder Einzelne sollte sich immer wieder fragen, was kann ich selbst für eine gute Beziehung tun, statt dies vor allem vom Gegenüber einzufordern? Wem es gelingt, nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen, sondern die Wünsche und Nöte der Partnerin und des Partners miteinzubeziehen, hat viel gewonnen. Gerade jetzt sollten wir uns auf das konzentrieren, was wir am anderen lieben und schätzen und – auch wenn es im Stress und Streit schwerfällt – nicht ständig zu kritisieren und auf vermeintlichen Fehlern herumzureiten.

 

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